Heute vor 81 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende, in Europa schwiegen nach sechs Jahren endlich die Waffen, doch 60 bis 70 Millionen Menschen mussten sinnlos sterben, Soldaten wie Zivilisten. Viele verloren ihre Heimat, Familien wurden auseinandergerissen, Städte zerstört. Der 8. Mai ist ein Tag des Gedenkens an die Toten und die Opfer dieses schrecklichen, von Deutschen verursachten Krieges.
Doch der 8. Mai 1945 war auch ein Tag der Befreiung. Für unser Land, das von dem menschen-verachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft befreit wurde, für unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die verfolgt und ermordet wurden, für Sinti und Roma, für Menschen mit Beeinträchtigungen, Homosexuelle, politisch Andersdenkende, deren Leben bedroht war durch die nationalsozialistische menschenverachtende Ideologie.
Wir sind fassungslos angesichts der Gewalt und der Schrecken dieses Krieges, doch wir müssen auch wahrnehmen, dass es immer noch Kriege gibt, Menschen immer noch sinnlos sterben. Seit vier Jahren tobt in Europa der Krieg in der Ukraine, es ist Krieg im Nahen Osten, es ist Krieg an vielen anderen Orten dieser Welt. So viel Not und Elend, immer noch. Auch 81 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg. Der 8. Mai 1945 war eine Hoffnung auf eine Zeit des Friedens. Doch das Erschreckende des Krieges ist
geblieben, bis in unsere Zeit hinein.
Dennoch dürfen wir nicht aufhören, hartnäckig und leidenschaftlich für den Frieden in der Welt einzutreten, dem Bösen zu widerstehen, auf den Frieden hoffen und mit unserer Sehnsucht nach Frieden vor Gott zu treten und ihn um Frieden zu bitten. Denn wir sind überzeugt davon, was der Ökumenische Rat der Kirchen bereits 1948 unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs bekannt hat: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“
Der 8. Mai 1945 war aber auch der Beginn der Auseinandersetzung der deutschen Kirchen mit ihrer Verantwortung in der Zeit des Nationalsozialismus. Christinnen und Christen in Deutschland haben schmerzlich erkannt und bekannt, wie viel Leid und Not übertriebener Nationalismus und Rassenwahn über die Menschen bringen kann. Gerade in einer Zeit, in der wir wieder feststellen müssen, wie tief rassistische, nationalistische und antisemitische Einstellungen nach wie vor in der Gesellschaft verankert sind.
Daher sind wie Deutschen in besonderer Weise dazu aufgerufen, für den Frieden in der Welt einzutreten. Im ebenfalls unter dem Eindruck des NS-Regimes und des Zweiten Weltkrieges entstandenen Darmstädter Wort haben Mitglieder der Bekennenden Kirche davor gewarnt, sich nicht von Träumen einer besseren Vergangenheit oder von Spekulationen um einen kommenden Krieg verführen zu lassen, sondern sich stattdessen der Verantwortung bewusst zu sein, dass jede und jeder dem Aufbau eines besseren Staatswesens, dem inneren Frieden und der Versöhnung der Völker dienen kann. Auch dies ist ein Vermächtnis des 8. Mai 1945, das wir nicht vergessen dürfen.