Liebe Mitstreiter, liebe Freunde und Gäste!
Mein Name ist Alexander, und ich vertrete den gemeinnützigen Verein RussPublika e.V. aus Hamburg. Unser Verein macht sich seit elf Jahren stark für die Völkerverständigung unter dem Motto „Frieden mit Russland“. Dementsprechend darf ich heute – auch als ehemaliger Bürger der Sowjetunion – als Vertreter der wichtigsten Siegermacht von 1945 sprechen, der Sowjetunion. Das ist eine große Ehre und eine große Aufgabe.
An dieser Stelle möchte ich großen Dank an die Veranstalter richten, dessen Energie, Ausdauer und die Kraft diese wichtige Veranstaltung schon seit mehreren Jahren möglich machen. Ihr verdient den großen Applaus!
Auch wenn die ersten Siegesfeiern in der Sowjetunion erst 20 Jahre nach 1945 stattfanden, wurden die feierlichen Kulturveranstaltungen im Land schnell zum festen Bestandteil der sowjetischen Tradition. So auch heute hier: Es werden uns schöne Auftritte geboten. Doch bevor wir die Bühne Lora und den Künstlern überlassen, möchte ich meinen Redebeitrag an einen genialen Artikel von Genossen Lenin „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ aus dem Jahr 1916 anknüpfen. Während der Vorbereitung an diese Rede ist mir klarer geworden was ich zum Ausdruck bringen wollte. So möchte ich meinen Redebeitrag etwas abweichend, als „Zwischen sozialistischer Perspektive und faschistischer Gefahr“ nennen, denn jede Krise birgt Risiken auch Chancen. Vor über einem Jahrhundert beschrieb Lenin die strukturelle Krise des imperialistischen Systems so: Monopole beherrschen die Wirtschaft, Finanzkapital exportiert sich ins Ausland, die Aufteilung der Welt in Kolonialreiche ist abgeschlossen – und die Widersprüche zwischen Produktivkräften und kapitalistischen Eigentumsverhältnissen führen
zwangsläufig zu Kriegen, Ausbeutung und Verarmung. Was Lenin als unmittelbare Vorstufe zur sozialistischen Revolution beschrieb, erscheint heute – nach Neoliberalismus, Globalisierung und multipolaren Verschiebungen – in neuer Gestalt. Die Krise des Imperialismus ist nicht vorübergehend; sie hat sich nicht abgeschwächt, sondern vertieft. Mit ihr wachsen zwei antagonistisch aufeinander bezogene Perspektiven: der Übergang zu einer solidarischen, sozialistischen Gesellschaft – oder das Abgleiten in eine barbarische, faschistische Reaktion.
Lenin identifizierte fünf Grundmerkmale des Imperialismus. Wer heute die globale Lage analysiert, findet sie wieder – in verschärfter Gestalt:
1) Monopole und Konzentration
Globale Tech-Konzerne, Finanzriesen und Rüstungskonzerne beherrschen nicht nur Märkte, sondern ganze Staaten. Die „Too-big-to-fail“-Logik ist Ausdruck parasitärer Monopolherrschaft. Plattformkapitalismus, Datenmonopole und patentrechtlich abgesicherte Wissensmonopole
erzeugen eine neue Qualität von Verfügungsgewalt, die Lenins Analyse zwar nicht voraussehen konnte, wohl aber ihrem Wesen nach begreift: Die Monopole schaffen sich ihre politischen Bedingungen selbst.
2) Finanzkapital als Schwerpunkt
Der globale Finanzsektor hat sich von der Realwirtschaft entkoppelt. Spekulative Blasen, Schuldenkrisen und Austeritätspolitik sind keine Exzesse, sondern systemisch notwendige Erscheinungen eines Regimes, in dem das Finanzkapital nicht mehr der Produktion dient, sondern die Produktion dem Finanzkapital. Die Macht der Ratingagenturen, die Konditionalitäten des IWF, die Privatisierungszwänge der Schuldenstaaten – all dies sind moderne Formen der Herrschaft des Finanzkapitals.
3) Kapitalexport jenseits der Kolonien
Anstelle direkter Kolonialverwaltung treten heute komplexe wirtschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse: Schuldenregime, Rohstoffausbeutung durch Konzessionsverträge, digitale Souveränitätsverluste des globalen Südens. Das Kapital exportiert sich nicht mehr primär als Ware, sondern als Kredit,
Patent oder Infrastrukturprojekt unter eigener Rechtsordnung. Die Form hat sich verändert, das Wesen der Aneignung fremder Arbeit durch Monopolrenten ist geblieben.
4) Aufteilung der Welt in Machtblöcke
Der Zusammenbruch der alten Bipolarität führte nicht zum „Ende der Geschichte“, sondern zu neuen imperialen Rivalitäten. USA versus China, NATO versus Eurasische Allianzen, globale Ressourcenkriege in Afrika und der Arktis – die Aufteilung der Welt wird permanent neu verhandelt, militärisch abgesichert und ökonomisch ausgetragen. Der Imperialismus ist multipolarer geworden, aber nicht friedlicher.
5) Ungleiche Entwicklung als Gesetz
Innerhalb der imperialistischen Zentren wächst die Schere zwischen Superreichen und Massen; zwischen Zentrum und Peripherie vertieft sich der Abgrund. Ungleiche Entwicklung ist kein Mangel, sondern
Funktionsbedingung des Systems. Der Imperialismus braucht Reservearmeen, Niedriglohnregionen und exterritoriale Ausbeutungszonen – sonst bricht seine Profitrate ein.
Die Krise des Imperialismus zeigt sich heute als mehrdimensionale Strukturkrise: Ökologie, Energie, Sozialsysteme, Demokratie, öffentliche Gesundheit – all diese Bereiche sind vom Verwertungszwang des Kapitals blockiert. Kapital kann nicht nachhaltig, nicht gerecht und nicht friedlich wirtschaften, weil es einzig auf Akkumulation reagiert, nicht auf Bedürfnisse. Jeder Versuch, die Krise innerhalb der kapitalistischen Form zu lösen, produziert neue, schwerere Widersprüche. Lenin lehrte, dass Krisen die objektiven Bedingungen für revolutionäre Umbrüche schaffen – weil die alten Regelmechanismen versagen und die herrschende Klasse keine konsensorientierte Lösung mehr anbieten kann.
Diese Situation ist heute vielerorts gegeben, wenngleich in unterschiedlicher Bewusstseinslage.
1) Systemunfähigkeit offenbart sich
Weder grüner Kapitalismus noch militärischer Keynesianismus lösen die Klimakrise oder die soziale Spaltung. Das Vertrauen in Marktlösungen sinkt – Umfragen zeigen wachsende Zustimmung zu Vergesellschaftung, Umverteilung und öffentlicher Daseinsvorsorge.
2) Krise der politischen Repräsentation
Die traditionellen bürgerlichen Parteien verlieren massiv an Bindungskraft. Das schafft ein Vakuum – aber auch Raum für antikapitalistische Kräfte, wenn sie sich zu organisieren vermögen. Wo solche Kräfte fehlen, füllt die extreme Rechte den Raum.
3) Globale Solidaritätspotenziale werden sichtbar
Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, dass Ressourcen umverteilt werden können – und dass Grenzen für Kapital kein Hindernis darstellen, sehr wohl aber für arbeitende Menschen. Sozialistische Antworten wie internationale Produktionsplanung, Abschaffung von Schuldendiensten oder universelle Gesundheitsversorgung sind keine Utopie, sondern objektiv notwendige Handlungsoptionen.
Erfolgreiche Ansätze des 21. Jahrhunderts – vom bolivarischen Prozess über den chinesischen Entwicklungssozialismus bis hin zu kommunalen Vergesellschaftungsversuchen in Südeuropa – zeigen: Der Imperialismus ist nicht alternativlos. Eine sozialistische Perspektive muss heute radikal demokratisch, ökologisch und feministisch sein. Ihr Kern ist leninsch: Überwindung der Monopolherrschaft des Kapitals durch Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien, Planung auf humaner Grundlage und internationale Solidarität.
Doch Krisen kippen nicht automatisch nach links. Lenin, Trotzki und Gramsci warnten: Der Imperialismus produziert Widersprüche, die entweder sozialistisch oder faschistisch beantwortet werden können. Der Faschismus ist eine Massenbewegung der Kleinbürger und deklassierten Schichten, die vom Monopolkapital instrumentalisiert wird, um die Arbeiterbewegung zu zerschlagen.
Die Bedingungen für faschistische Gefahren sind heute gegeben:
1) Prekarisierung und Abstiegsangst
Massenarbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Inflation – ein Teil der Mittelklasse wird anfällig für autoritäre Vereinfachungen: „Migration stoppen“, „Eliten austreiben“, „die Nation wieder stark machen“. Diese Parolen werden von faschistischen Bewegungen besetzt, wenn die Linke keine überzeugende Antwort gibt.
2) Imperialistische Revanchismen
Der relative Zusammenbruch der US-Hegemonie erzeugt aggressive nationalistische Reaktionen: Trumpismus in den USA, extreme Rechte in Europa, offen imperialistische Kräfte in Russland, Indien oder Brasilien. Sie setzen auf Aufrüstung, Grenzschließung und autoritäre Staatsumbauten.
3) Antikommunismus als Herrschaftslegitimation
Jede faschistische Bewegung definiert sich gegen Sozialismus, Feminismus und internationale Solidarität. Sie nutzt die Krise des Imperialismus, um zu behaupten: Die Linke sei schuld, nicht das Kapital.
Das Risiko ist real: Wenn die Unfähigkeit des Imperialismus, Wohlstand und Sicherheit zu garantieren, nicht sozialistisch beantwortet wird, folgt die barbarische Antwort. Der Faschismus ist die gewaltsame „Rettung“ des Kapitals durch Zerstörung der Demokratie – falls die Arbeiterbewegung versagt. Aus der leninschen Analyse folgt eine politische Notwendigkeit: Drei Felder sind zentral:
1) Vergesellschaftung als strategische Forderung
Demokratische Kontrolle über die monopolistischen Schlüsselindustrien – Energie, Verkehr, Digitalinfrastruktur, Wohnen – organisiert von unten mit Räten, Betriebsversammlungen, Mietergremien.
2) Internationalismus gegen imperialistische Konkurrenz
Die Antwort muss global sein: koordinierte Streiks, transnationale Produktionsplanung, Solidaritätsfonds, Absage an Rüstungsexporte.
3) Antifaschistische Einheit ohne Kompromisse
Einheitsfront aller Arbeiterorganisationen gegen die extreme Rechte – ohne dass die Kapitalismuskritik geopfert wird. Was bleibt, ist der politische Kampf um die Hegemonie in der Krise. Entweder gelingt es sozialistischen Kräften, eine internationale, antifaschistische, solidarische Antwort zu geben – oder die faschistischen Krisenmanager gewinnen, mit Kriegen, Diktatur und ökologischem Kollaps.
Danke für eure Aufmerksamkeit.