Marianne Linke (VVN-BdA Stralsund, ehem. an der Akademie der Landwirtschafts-wissenschaften der DDR)

Zur Gleichheit aller Menschen in der DDR: Völkerfreundschaft gegen Russenfeindschaft

Liebe Freunde,

vor 81 Jahren am 8. Mai 1945 endete für die Völker Europas der bis dahin fürchterlichste Eroberungs- und Vernichtungskrieg genau dort, wo 1939 der Schrecken begann – in Berlin. Dieser Krieg kostete allein die Völker der Sowjetunion 27 Millionen Menschen, das Deutsche Reich ca. sieben Millionen und Polen ca. sechs Millionen Menschen das Leben. Aus ganz Europa wurden sechs Millionen jüdischer Frauen, Männer, Kinder und Greise von den deut-schen Faschisten ermordet.

Ziel des Eroberungskrieges war es, fremdes Territorium und dessen Rohstoffe in deutsches Eigentum zu überführen. Ziel des Vernichtungskrieges war es, die ansässige Bevölkerung zu vernichten, bestenfalls als Arbeitssklaven zu erhalten.

Zu diesem Zwecke wurden industrielle, technisch perfekte Mordfabriken entwickelt und ge-baut. „Auschwitz“ steht als Synonym für viele andere dieser Lager. Das KZ Auschwitz wurde zunächst für die Vernichtung sowjetischer Kriegsgefangener errichtet und später vor allem zur Vernichtung jüdischer Menschen betrieben. Wir wissen um die Lager Buchenwald, Sachsenhausen, Theresienstadt, Dachau und anderer. Wir wissen auch um Leningrad und die perverse Orientierung der deutschen Faschisten, die Bevölkerung dieser Stadt – der Wiege der Oktoberrevolution – durch Aushungern, Krankheiten, Erschöpfung zu liquidieren. Die Leningrader Blockade der deutschen Wehrmacht dauerte 872 Tage und gilt in der Geschichte als eine der brutalsten Belagerungen. Hunderttausende bis über eine Million Menschen kamen ums Leben bis es am 27. Januar 1944 – genau ein Jahr vor der Befreiung des KZ Auschwitz – der Roten Armee gelang, den Blockadering zu durchbrechen.

1961 hatte ich Gelegenheit als Schülerin an einer Freundschaftsreise nach Leningrad teil-zunehmen. Ich hatte dort eine Brieffreundin und wurde von Irina eingeladen. Ihre Familie bewohnte ein Zimmer einer großen (einst bürgerlichen) Wohnung, Bad, Küche, Flur und Telefon wurden von allen Familien gemeinsam genutzt. In einer solchen „Kommunalka“ wurde ich erwartet und mit großer Herzlichkeit auf echt russische Weise begrüßt. Ich war die erste Deutsche, der diese Menschen nach 1945 so persönlich begegneten. Es gab keinen Vorwurf, keine Klagen, nur herzliche Aufnahme und viele Fragen zu meinem Leben im geteilten Deutschland, in Berlin. Ich war später noch oft mit Kollegen während beruflicher Aufenthalte in Gegenden, wo wir nach 1945 die ersten Deutschen waren, zum Beispiel in Chatyn, einem Dorf nahe Minsk, das mit allen Einwohnern von deutschen Besatzungstruppen niedergebrannt und dem Erdboden gleich gemacht worden war.

Ich schäme mich heute noch für diese deutschen Verbrechen, deren Antrieb grausamer, fanatischer Rassenhass war.
Der 2. Weltkrieg endete für Europa mit der Schlacht um Berlin. In der etwa hunderttausend Menschen ihr Leben lassen mussten, denn die deutschen Faschisten – in Gestalt der SS, der Wehrmacht und des letzten Aufgebots, dem Volkssturm – kämpften auch hier immer noch mit großer Verbissenheit unter der Parole „mit Fanatismus und Fantasie“ gegen die vorrückenden Truppen der Roten Armee.

Die Deutschen wollten siegen, denn es ging die Parole um: „Wir müssen siegen, koste es, was es wolle…. wehe, wenn die Russen siegen und uns Deutsche so behandeln, wie wir die Russen in ihrer Heimat behandelt haben….“. Die Deutschen in Wehrmacht, SS oder in großen Teilen der Bevölkerung konnten sich nicht vorstellen, dass die Rote Armee getreu dem
STALINschen Motto handeln wird: „Die Hitler kommen und gehen – aber das deutsche Volk bleibt.“

Dennoch gab es auf Seiten der Roten Armee Plünderungen und Übergriffe. Der ehemalige Panzersoldat Buchow erinnert sich:
„…Noch vor dem Überqueren der Oder wurde uns ein Befehl Schukows vorgelesen, in dem es hieß, mit Zivilisten muss man human umgehen. Auf Vergewaltigungen und Plünderungen stand die Erschießung. ….“ (zitiert nach taz vom 02.05.2020).

In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) hatten die sowjetischen Kulturoffiziere großen Anteil an der Entwicklung eines zivilisierten Lebens. Sergej Tulpanow, der Sohn einer deut-schen Jüdin ist wohl der bekannteste unter ihnen. Er leitete als wichtigster Nachkriegspolitiker die kulturelle Neuausrichtung in der SBZ. Zeitungen, Rundfunk, Filmanstalten wurden neu zugelassen. Die DEFA, die jetzt ihr achtzigjähriges Jubiläum begeht, begann ihre Tätigkeit mit dem Staudte-Film „Die Mörder sind unter uns“. Die legendären DDR-Kulturhäuser wurden eingerichtet bzw. als prunkvolle Objekte für die breite Öffentlichkeit neu gebaut (zu sehen u.a. in dem Konrad-Wolf-Film „Solo Sunny“).

Vor allem galt es aber, das Denken und Nachdenken der deutschen Bevölkerung nachhaltig zu verändern – das betraf vor allem das Bildungswesen. Im Schnellverfahren wurden 43.000 Frauen und Männer zu Neulehrern ausgebildet, die zwar manchmal – wie der Schriftsteller Willi Bredel so schön beschrieben hat – nicht wussten, ob man Blume mit oder ohne „h“ schreibt, dafür aber den Mut hatten, sich dieser neuen Aufgabe mit ganzer Kraft zu stellen. Arbeiter- und Bauernfakultäten an den Universitäten entstanden und sorgten dafür, dass Kinder dieser Klassen auf ein Universitätsstudium vorbereitet wurden. Die bekannteste war sicher an der Universität Greifswald, der Hermann Kant mit seinem Buch „Die Aula“ ein außerordentlich farbiges Denkmal gesetzt hat. Schon 1952 waren über die Hälfte der Stu-denten der DDR Kinder von Arbeiter und Bauern. Ein Fakt, den es weder vor der Gründung noch nach dem Ende der DDR in Deutschland gegeben hat.

In der SBZ wurden 520.000 ehemalige Nazis aus öffentlichen Ämtern entfernt. Nazis durften kein Recht sprechen. Volksrichter wurden gewählt.

1947 wurde die Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion gegründet, die später als Organisation in „Deutsch-Sowjetische-Freundschaft“ (DSF) umbenannt wurde und heute in den ostdeutschen Ländern in unterschiedlichen Organisationen fortlebt, in Mecklenburg-Vorpommern als „Osteuropa-Freundschaftsgesellschaft“.

Mit der Gründung dieser Organisation 1947 wurde schrittweise an den Schulen der Rus-sischunterricht eingeführt, der ab 1952 in allen Schulen ab der fünften Klasse als erste Fremdsprache verpflichtend war.

Die Mitglieder der Organisation DSF bildeten in allen Betrieben und Einrichtungen der DDR Betriebsgruppen, deren Aufgabe darin bestand vor allem durch persönliche Begegnungen dieses bislang fremde Land Sowjetunion und seine Menschen kennen und verstehen zu lernen. Es reisten Freundschaftszüge in die Sowjetunion, Gruppen sowjetischer Touristen wurden in die Betriebe eingeladen, Schulkinder pflegten rege Briefwechsel mit Schülern in Minsk, Wladiwostok, Kiew, Moskau – kurz in alle möglichen Gegenden des Landes. Neben diesen Briefwechseln und Freundschaftstreffen bildeten die staatlicherseits organisierten kulturellen Begegnungen eine wichtige Verständnisbrücke. Ältere Berliner erinnern sich noch an das großartige Konzert des Alexandrow-Ensembles auf dem Gendarmenmarkt, als der Sänger Nikitin inmitten dieser Trümmerkulisse das schaurig-schöne Lied „Im schönsten Wiesengrunde“ auf deutsch sang. 20.000 Karten waren über die Gewerkschaft verkauft wor-den. Es heißt, 10.000 Menschen hatten sich ohne Karten Zugang zum Konzert verschafft.
Dieses Konzert war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen lange verfeindeten Völkern. Kulturelle Begegnungen wurden zur Normalität, das Bolschoj Theater, das Theater an der Taganka (mit Wyssotzki) und andere Künstler kamen zu uns. Das Berliner Ensemble, Maxim-Gorki-Theater usw. reisten in die UdSSR. Zunächst legendär,. später aber normal waren auch die Auftritte von Künstlern an der Druschba-Trasse. Zwischen den Städten der UdSSR und der DDR wurden Städtepartnerschaften vereinbart, deren Einwohner ebenfalls den wechselseitigen Austausch pflegten.

Mit Beginn der fünfziger Jahre gingen auch die ersten DDR-Bürger zum Studium in die Sow-jetunion, 1952 hatten beide Staaten ein diesbezügliches Abkommen abgeschlossen. Bis zum Ende der DDR wurden etwa 20.000 junge Menschen in der Sowjetunion aus- oder weitergebildet.

All das war nicht nur mit intellektueller, sondern auch stark mit emotionaler Bildung verbunden. Für die meisten DDR-Bürger war der 8. Mai selbstverständlich ein Tag der Befreiung, ein würdiger Tag der Besinnung, ein offizieller Feiertag.

Wir erinnern uns, es war der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der als erster hochrangiger Politiker der Bundesrepublik Deutschland, der am 8. Mai 1985 in seiner bemerkenswerten Rede vor dem Deutschen Bundestag davon sprach, dass der 8. Mai 1945 für manche ein Tag der Niederlage, für andere aber ein Tag der Befreiung war. Mit dieser sehr bemerkenswerten Rede bekam der 8. Mai in der Bundesrepublik , jedoch längst nicht den Stellenwert in der historischen Betrachtung, den dieser Tag für die DDR hatte, obgleich die UNO 1985 anlässlich des 40. Jahrestages des Kriegsendes in Europa auf Vorschlag der DDR den 8. und 9. Mai zu Ehrentagen des Sieges über den Nazismus erklärte.

Für eine solchen Ehrentag hätte die Bundesrepublik – über die Rede des Bundespräsidenten hinausgehend – mit allen NS-Hinterlasenschaften brechen müssen. Das ist bis heute nicht geschehen. 1990 mit dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes sind zwei sich stark unterscheidende Geschichts- und Erfahrungsfelder der jeweiligen Staatsbürger aufeinandergetroffen.

Ein Kommentar der US-Philosophin Susan Neiman bringt das auf den Punkt:
„Je übler die Bolschewiki heute erscheinen, desto besser sehen die Nazis im Rückblick aus. Wenn Faschismus und Kommunismus dasselbe sind, haben die deutschen Väter und Großväter nicht doch das Böse bekämpft?“ (zitiert nach OAZ vom 22.02.2026, Daniela Dahn).

Bestärkt durch die McCarthy-Ära in den USA war der Anti-Bolschewismus (= Antikommu-nismus) in der Bundesrepublik Deutschland von Anbeginn Staatsdoktrin (s. 1956 KPD-Verbot). Der Antikommunismus also, den man nicht nur ungestraft, sondern mit breitem gesell-schaftlichen Konsens übernehmen konnte. Ich erinnere an Oberländer, Globke oder den verzweifelten Kampf des hessischen Generalstaatsanwaltes „Dr. Bauer gegen den Staat“ (Filmtitel).

1949 wurde die NATO mit eigentlich nur einem Ziel gegründet: Kampf dem Kommunismus. Diesem Ziel dienten letztlich auch der Korea- oder der Vietnam-Krieg (1955 – 1975).

Nach 1990 wurde systematisch auf politischer Ebene daran gearbeitet, das Russlandbild der Bundesrepublik den Ostdeutschen zu vermitteln. Eingedenk der desolaten Lage der Sowjetunion während und nach deren Zusammenbruch mit einem Gorbatschow oder Jelzin an der Spitze – gelang das dennoch nicht.

45 Jahre haben verschiedene Generationen der DDR im Sinne von Völkerfreundschaft und Verständigung geprägt. Diese Alltagserfahrungen, das Wissen der Ostdeutschen, erlangt durch Schule, Reisen und immer wieder durch persönliche Begegnungen mit den Menschen und ihrer Kultur – Dostojewski, Puschkin, Jessenin, Gorki, Scholochow, Majakowski oder Schukschin und Wyssotzki, aber auch Schostakowitsch und viele, viele andere – lassen sich nicht auslöschen. Wenn die Staatsdoktrin der Bundesrepublik der Antikommunismus war, dann war die Staatsdoktrin der DDR der Antifaschismus, die Völkerverständigung.
An dieses Wissen, diese Alltagserfahrungen der guten Beziehungen einst zur Sowjetunion, heute zu Russland und den Nachfolgestaaten wollen wir anknüpfen, diese weiter pflegen. Russland ist nicht unser Feind und die russischen Menschen schon gar nicht. An die Worte von Richard von Weizsäcker aus dem Jahre 1985 möchte ich anknüpfen: „Bei uns ist heute eine neue Generation in die politische Verantwortung hereingewachsen. Die Jungen sind nicht verantwortlich, für das was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.“ Er appellierte an die jungen Menschen: „Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen, Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß.“

Dieses Erbe wollen wir fortsetzen. Den von der Bundesregierung heute forcierten Aufrüstungsplänen und dem neu geschaffenen Feindbild „Russland“ widersetzen wir uns mit politischer, historischer Argumentation und mit kulturpolitischen Bildern. Das ist nicht leicht, lesen wir doch heute – am 8. Mai – in der Ostsee-Zeitung: „Rüstungsfirmen schaffen Hunderte neuer Jobs in Mecklenburg-Vorpommern“, speziell genannt ist die Übernahme der Firma Nordex (produzierte einst Rotorblätter) durch die Firma Liebherr. Weiter heißt es in der Ostsee-Zeitung: „Die Industriepolitik der Landesregierung (mein Einschub aus SPD und Linkspartei) hat einen Kurswechsel vollzogen. Eine Zeitenwende. Klammheimlich.“

Die einzige Forderung der rot-roten Landesregierung und der linken Rostocker Oberbür-germeisterin lautet: Der Hauptsitz der sich neu ansiedelnden Firma möge in Mecklenburg-Vorpommern liegen.

Liebe Freunde, was ist unsere Antwort: Wir wollen diese Zeitenwende nicht. Wir wollen Frieden. Wir wollen Völkerverständigung. Es wird eine Zeit nach dem Russland-Ukraine Konflikt geben. Wir wollen diese Zeit durch unsere Aktivitäten bereits heute vorbereiten – durch die Pflege freundschaftlicher Kontakte auf allen Ebenen und mit allen Völkern der ehemaligen Sowjetunion. Unsere Antwort ist klar: Nicht noch einmal gegen Russland. Zwei Weltkriege sind genug.

Der 8. Mai als Tag der Befreiung bleibt uns Mahnung und Verpflichtung zugleich.